Ende, Neubeginn, Weitergehen

Den seit 1987 bestehenden Mietvertrag habe ich bereits gekündigt, bis Ende des Jahres muss die Werkstatt am Hautplatz vollständig ausgeräumt werden. Wie kam es dazu, wie geht es jetzt weiter?

Nach dem plötzlichen Unfalltod meines Mannes Peter Hütmannsberger, musste ich seine Werkstatt ausräumen, wo er zwischen 1987 und 2011 113 barock Streich- und Saiteninstrumente gebaut hatte. Das für mich größte Problem dabei war, dass mein Büro sehr eng mit seiner Werkstatt verbunden war, und mein wunderschönes, tröstliches Büro konnte ich in dem Moment erst recht nicht aufgeben. Als die Werkstatt mit Hilfe von unzähligen, großzügigen Helfer*innen ausgeräumt und neu instand gesetzt wurde, entstand nach und nach die Idee, diesen schönen, leeren Raum einfach anderen Menschen zur Verfügung zu stellen.

Was würdest Du tun, hättest Du nur einen großen leeren Raum?

Die ursprünglich aus Ratlosigkeit entstandene Frage wurde schließlich zum Motto, und der leere Raum füllte sich mit Ideen, Musik, Materialien, Gesprächen, Theater, Austausch, Tanz, Anregungen, Lachen, Bildern … Und die Menschen, die gekommen sind, um diesen Raum zu nutzen, haben mein Leben ungeheuer bereichert.

Dadurch änderte sich auch der Raum. Als Übergang wurde die Werkstatt am Hauptplatz am 22. November 2012, zum ersten Jahrestag der Verabschiedung von Peter, mit einer Fotoausstellung feierlich eröffnet. Dank der Großzügigkeit der Fotographen Reinhard Winkler und Gerald Ehmann, wurden die Bilder von den Besucher*innen am Ende der Ausstellung mit nach Hause genommen, verteilten sich in ganz Linz, schließlich auf der ganzen Welt. Im Laufe der letzten drei Jahren wurden Vorstellungen von Peter und seine Arbeit immer abstrakter, aus der Einleitung zu jeder Veranstaltung wurde eine Geschichte: Es gab einmal einen Geigenbauer, der vor langer Zeit hier seine Instrumente baute … Was ich jetzt schließe, ist nicht mehr die Werkstatt vom Peter, sondern die Werkstatt am Hauptplatz, eine eigene Idee, ein eigener Raum.

Dass solche Räume unbedingt gebraucht werden, hat sich immer und immer wieder bestätigt. Es besteht auf jeden Fall ein Bedarf an Räume, die unkompliziert, unbürokratisch zur Verfügung stehen, wobei die “Gegenleistung“ nicht unbedingt eine finanzielle sein muss, sondern ganz andere Beiträge würdigend zulässt. Und es besteht ein Bedarf an Räumen, in denen es nicht von vornherein festgelegt wird, was am Schluss durch die Nutzung heraus kommen wird – Räume, die vom Produktionszwang frei sind. Räume werden gebraucht, wo Ideen erst entstehen können, noch lange bevor sie zu Projektanträgen und Ergebnissen werden können, und wenn die Ideen schließlich einfach Ideen bleiben, ist es auch gut.

Die Erfahrungen der letzten drei Jahren haben allerdings auch gezeigt, dass das von mir versuchte Modell nicht nachhaltig zu betreiben ist. Solche Räume wie die Werkstatt am Hauptplatz sollten nicht von einer einzigen Person in jeder Hinsicht abhängen. Die unterschiedlichsten Nutzer*innen der Werkstatt haben immer wieder großzügige, solidarische und kreative Beiträge zum Bestehen der Werkstatt geliefert, aber es ist mir leider nicht gelungen, eine kontinuierliche Unterstützung zu etablieren. Somit sind meine finanziellen und auch energiemäßigen Ressourcen nun ausgeschöpft. Die Werkstatt möchte ich deswegen jetzt in Dankbarkeit für die Bereicherung schließen, anstatt sie so lange weiterzuführen, bis ich sie nur mehr als untragbare Belastung wahrnehme.

Wie geht es jetzt weiter?

Letztendlich ausschlaggebend für meine Entscheidung war die neu dazugekommene Baustelle im kleinen Hof unter meinen Fenstern. Das Brückenkopfgebäude-Ost, das ehemalige Finanzamt, wird nach jahrelange Verwahrlosung jetzt endlich renoviert, damit die Kunst Uni dort einziehen kann. Für die Kunst Uni ist das gut und wichtig, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Umbauarbeiten den kleinen, akustisch sensiblen Hof derart in Beschlag nehmen. Da ich im Büro nicht mehr arbeiten kann, habe ich meinen Arbeitsplatz bereits nach Urfahr in meine Wohnung verlegt, doch damit fällt die ursprüngliche Motivation für den Erhalt der Werkstatt schon einmal weg. Wenn ich nun versuche, mein Leben zu vereinfachen, hoffe ich, dass ich damit mehr Ressourcen für andere Projekten frei habe. Als erstes werde ich ab kommenden November endlich einen lang gehegten Wunsch verwirklichen können: Am 8. November wird der 1. Linzer Death Cafe im Kepler Salon stattfinden. Es gibt außerdem weitere Initiativen, die ich gern sinnvoller, kontinuierlicher unterstützen möchte, wie z.B. servus.at. Und ich möchte wieder mehr schreiben können.

Aber es geht nicht nur um mich: Wo kommen die ganzen Menschen dann hin, die sonst gern in die Werkstatt am Hauptplatz gekommen wären?

Erstens ist nicht alles, das in der Werkstatt entstanden ist, in der Werkstatt geblieben. Unter den ersten Nutzer*innen der Werkstatt waren die “Frühlingskinder“ mit ihrem “Picknick inside“, woraus das Haus LuftRaum in der Bethlehemstraße entstanden ist, inzwischen eine großartige, unverzichtbare Einrichtung. Auch die GameCraft Community, die sich öfter in der Werkstatt getroffen hat (und schnell eingesprungen ist, als ich den Dachboden plötzlich ausräumen musste), hat sich inzwischen als GameStage fest etabliert. Als das RaumSchiff Anfang 2014 in das Brückenkopfgebäude Ost einzog, entstand ein nachbarschaftlicher, fruchtbarer Austausch, und diese Verbindung bleibt auch bestehen. Zur Zeit werden über Crowdfunding (www.startnext.com/raumschiff) die benötigten Mittel gesammelt, um das Haus Pfarrplatz 18 instand zu setzen, und manches sowohl Ideelles wie auch Materielles wird dann bis Ende des Jahres vom Hauptplatz zum Pfarrplatz weiter wandern. Inzwischen gibt es gegenüber vom Pfarrplatz, nämlich im Graben 3, auch ein neues, sehr spannendes Initiative: “Willy*Fred ist das erste Haus in Österreich, welches in selbstverwalteten Syndikatsstrukturen Nutzungseigentum schaffen soll.“ Gerade nach meinen Erfahrungen, was bei meinem Modell mit der Werkstatt nicht funktionierte, finde ich dieses Modell um so interessanter – und selbstverständlich unterstützenswert. Es kann auch sein, dass manche Möglichkeiten sich jetzt in KunstRaum Goethestrasse öffnen werden, und zwischen der Werkstatt und dem KunstRaum bestand vom Anfang an eine starke Verbindung. Denn ohne die Ermutigung, die praktischen Ratschlägen und die konkrete Unterstützung von Susanne Blaimschein hätte die Werkstatt überhaupt nicht entstehen können.

Es tut sich viel in Linz, aber es ist mir auch schmerzhaft bewusst, dass die Schließung der Werkstatt am Hauptplatz eine Lücke offen lässt. Doch immerhin ist diese Lücke wahrnehmbar und somit hoffentlich auch wieder auffüllbar.

Bis Ende des Jahres müssen die Räumlichkeiten am Hauptplatz vollständig ausgeräumt sein. Manche Leihgaben müssen dann zurückgebracht werden, andere Einrichtungsgegenständen müssen sich ein neues zu Hause suchen. Dafür behalte ich diese Liste im Auge: https://www.helfenwiewir.at/spenden#sachspende, doch um weitere Hinweise, wo was benötigt wird, wird gebeten.

Natürlich werden auch wieder Menschen gebraucht, die mithelfen können, Sachen zu übersiedeln oder zu entsorgen, für Putzhilfe natürlich ebenfalls, und ich freue mich besonders, wenn Leute sich freiwillig melden.

Und zum Schluss feiern wir im Dezember ein schönes Abschiedsfest – in einem leeren Raum.

Vom tiefsten Herzen danke ich allen, die in den letzten drei Jahren in die Werkstatt am Hauptplatz gekommen sind, die mit einem leeren Raum so viel anfangen konnten.

Wir sehen uns wieder.

Tags:

Comments

For a version of my reflections on closing the Workshop in English, please see my personal blog "Living With Plan B": http://livingwithplanb.derieg.com/2015/09/its-time/